Die sieben therapeutischen Prinzipien

1. Sofortige Hilfe

Nach dem Grundsatz „berührt = geführt“ kümmern sich die Fachkräfte darum, dass innerhalb von 24 Stunden nach Eingehen des Hilferufes das erste Netzwerktreffen bei der betroffenen Person oder an einem anderen für ihn/sie sicheren Ort stattfindet. Dies ist deshalb so wichtig, weil in den ersten Tagen der Krise die belastenden psychotischen Erfahrungen sehr viel leichter zur Sprache kommen können als später.


2. Einbeziehen des sozialen Netzwerks

Das persönliche Netzwerk der PatientInnen wird als positive Ressource betrachtet und sofort auch bei akuten Psychosen mit einbezogen. Die Familienangehörigen erleben es meist als entlastend, wenn weitere wichtige Bezugspersonen mit dabei sind, die im Prozess hilfreich sein könnten. Weitere Leistungserbringende wie der/die ambulante PsychotherapeutIn oder EX-IN´ler (Psychiatrieerfahrene, ausgebildete Peers) sollten ebenfalls mit dabei sein. Wenn im Behandlungsprozess weitere Personen, wie LehrerInnen oder ArbeitgeberInnen, wichtig werden, können diese zeitweise mit dazu eingeladen werden.

„Bei einer Netzwerk-Perspektive sollten alle in den Prozess integriert werden, denn das Problem ist nur gelöst, wenn alle, die es als solches definiert haben, es nicht mehr als Problem bezeichnen“ (Seikkula, Jaakko; Alakare, Birgitta;. 2007; Offene Dialoge. In P. S. P. Lehmann, Statt Psychiatrie 2 (S. S. 234 – 249). Berlin: Antipsychiatrie Verlag.)


3. Flexible Einstellung auf die Bedürfnisse

Im Vordergrund steht die flexible Anpassung an die Sprache, den Stil und die Lebenswelt des/der Betroffenen und seines/ihres Netzwerks. Deshalb gibt es keine festgelegten Behandlungsprogramme, denn jede Krise wird als einmalig betrachtet. Das gilt auch für den zu wählenden Ort des Treffens, der sowohl beim Patienten zu Hause als auch am Arbeitsplatz oder in der Klinik liegen kann.


4. Verantwortung

Nach einem Hilferuf übernimmt das psychiatrische Behandlungsteam die Verantwortung für die Organisation einer Therapieversammlung. Eine Überweisung an andere Stellen ist nicht vorgesehen. Mit dem Netzwerk und vielleicht zusätzlichen Fachleuten wird gemeinsam der bestmögliche Weg aus der Krise entwickelt.


5. Psychologische Kontinuität

Ein Wechsel von TherapeutInnen sollte weitgehend vermieden werden, um über vereinbarte Zuständigkeit mehr Sicherheit zu vermitteln und damit auch Therapieabbrüche zu verhindern. Ambulante PsychotherapeutInnen sollten bei Bedarf zu den Sitzungen eingeladen werden, da sie einen Teil des vertrauten Netzwerks darstellen.


6. Aushalten von Ungewissheit

Eine Besonderheit des Open Dialogue liegt in der Haltung der TherapeutInnen, z.B. auf möglicherweise vorschnelle Diagnosen und Entscheidungen zu verzichten. Diese Toleranz von Ungewissheit setzt voraus, dass jeder Mensch ein Experte für seine Lebenserfahrungen ist.

Das Gespräch ist geprägt durch empathisches, klärendes Nachfragen, sowie Verständnis und Vertrauen und verzichtet auf Wertungen. Sicherheit entsteht dabei durch die als sicher erlebte Gesprächssituation, bei der jeder gehört wird.


7. Förderung des Dialogs

Der Schwerpunkt liegt auf der Förderung offener Dialoge, die durch eine Veränderung der Haltung des Teams entstehen und nicht durch Versuche, die PatientInnen verändern zu wollen.

Dialoge werden als gemeinsames Nachdenken verstanden, bei dem die Betroffenen die Handlungskompetenz für ihr eigenes Leben stärken können. Seikkula spricht hier vom „fortgesetztem wechselseitigen Erstaunen“ als der Bereitschaft, sich im Gesprächsprozess berühren zu lassen, wodurch Heilsames entsteht. Diese offene und empathische Haltung, die sich auch im Gesprächsprozess ausdrückt: „niemand von uns weiß, was richtig ist, aber wir können gemeinsam schauen, was jetzt möglich ist“ (Dr. Werner Schütze), sind für das Gelingen wichtiger, als technische Methoden. Jede Stimme wird gehört – auch die möglicherweise zahlreichen Stimmen innerhalb jedes Teilnehmers (vertikale Polyphonie).



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